Kunstgeschichten aus Pirna

Der in Pirna ansässige Künstler Pedro fertigt neben Zeichnungen mit Tusche, Farbstift, Aquarell oder Acryl auch kabarettistische Zeichnungen an, denen er eine kleine Alltagsepisode an die Seite stellt. Sie erzählt somit die Entstehungsgeschichte des Bildes und gleichermaßen das Stadtleben aus Sicht des Künstlers. Für Kultur2go hat Pedro einige seiner Episoden zur Verfügung gestellt, die sonst in der Gemeinschaftsgalerie "Galerie Vielfalt" gesehen werden können.

Gänsehautmoment

Hier in Pirna gibt es einen Nachtwächter.
Heute benötigt man eigentlich keine Nachtwächter mehr, so wie auch Stadtmauern und Burggrä-ben ihren ursprünglichen Sinn verloren haben. Und so dient der Pirnaer Nachtwächter in erster Linie touristischen Zwecken. Das heißt, er führt – spät abends meist – Gäste durch die Altstadt, zeigt ihnen deren Sehenswürdig-keiten und berichtet über die be-wegte Geschichte des Ortes. Dabei gibt er mit seiner kräftigen Stimme gerne ein Lied zum Besten. Auch den bekannten Ruf „Hört ihr Leute, lasst euch sagen…“ vernimmt man immer wieder, wenn man wie ich ganz in der Nähe des Ortskernes wohnt.

An dem Donnerstag, an dem hier in Sachsen viele Läden schlossen und wir dazu aufgerufen waren, wenn irgend möglich in unseren Wohnungen zu bleiben, hörte ich abends – es dürfte so gegen acht gewesen sein – Gesang, genauer gesagt das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten…“. Mein erster Gedanke: „Der Nachtwächter." Der zweite Gedanke: „Der wird doch jetzt keine Touris mehr durch die Stadt führen!“ Ich ging zum Fenster, um zu schauen, was da draußen los sei. Da stand er, ganz alleine, direkt vor dem Haus „Obere Burgstraße 6“ und sang in die menschenleere und einsame Schmiedestraße hinein, ein Wächter, der in diesem Augenblick seinen Namen verdiente.

Ich dachte an vergangene Jahrhunderte, in denen der Nachtwächter eine Institution war, die den Menschen Sicherheit gab. Ich dachte an die Pest und andere Seuchen, wegen derer sich früher auch viele nicht mehr unter die Leute trauten. Und mir wurde in diesem Moment erst so richtig bewusst, in welcher Ausnahmesituation wir uns aktuell befinden.

Doch im Vergleich zu unseren Vorfahren sind wir besser dran: Wir können das Problem einordnen. Wir kennen die Ursache. Und wir wissen deutlich besser als die Zeugen früherer Seuchen, wie wir reagieren müssen. Ich bin kein ausgesprochen religiöser Mensch. Man muss aber auch nicht religiös sein, um mit der Strophe, mit welcher der Nachtwächter seinen Vortrag schloss, etwas anfangen zu können:

Was helfen uns die schweren Sorgen,
Was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
Beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
Nur größer durch die Traurigkeit.

© 2020 – Pedro – www.die-zeichnung.de


Felsenlabyrinth

Meine Schwester war zu Besuch. Mit ihrem Mann. Und ihren beiden Kindern. Das Mädchen zehn, der Junge sechs Jahre alt.
Was unternimmt man mit zwei Kindern, wenn man nur einen Nachmittag Zeit hat, das Wetter ein bisschen durchwachsen ist und die Kids an einer ausgedehnten Wanderung nur mäßig interessiert sind? Richtig! Man besucht das Felsenlaby-rinth, gemäß Broschüre „Wanderromantik in der National-parkregion Sächsische Schweiz“ bestens geeignet für Kinder ab 4 Jahren. Die Distanz zwischen Parkplatz und Labyrinth beträgt auch nur 500 m, hat also einen vernachlässigbaren Quengelfaktor.

So fuhren wir also zum Waldparkplatz Langenhennersdorf und spazierten gemütlich in Richtung unseres Zieles. Als wir das Labyrinth erreicht hatten, stürmte mein Neffe los und verschwand zwischen den Felsen. Meiner Schwester schwante Bedrohliches und sie begann nach ihm zu rufen. Doch da sahen wir ihn schon, wie er voller Begeisterung auf einem Felsen herumhopste, vier Meter über dem Erdboden, direkt am Abgrund. Ich starb 1000 Tode, bis sich der Kerle wieder auf halbwegs sicherem Terrain befand. Den Rest unseres Aufenthaltes verbrachten wir im Wesentlichen damit, auf den Jungen aufzupassen und ihn bei Bedarf einzufangen. Erschwert wurde dies durch den Umstand, dass mein Schwager unter Höhenangst leidet (er hat folgerichtig einen Beruf ergriffen, bei dem er unter Tage arbeitet), und sich so an allfälligen Versuchen, seinen Sohnemann aus der Gefahrenzone zu bugsieren, nicht beteiligen konnte.

Am nächsten Morgen reiste meine Schwester nebst Familie einigermaßen unbeschadet wieder ab. Ich sah ähnlich fertig aus wie der Rabe auf der Abbildung oben und widmete den Tag meiner Rekonvaleszenz und dem Nachdenken über das Geschehene. Dabei erinnerte ich mich an meine eigene Kindheit: Ich bin quasi auf dem Land aufgewachsen. Meine Elternhatten zwar keine Landwirtschaft, es gab aber in unserem Ortsteil drei Bauern. Dicht bei unserer Wohnung stand eine Scheune. Genialer Abenteuerspielplatz für uns Kinder – auch wenn wir ihn streng genommen gar nicht hätten betreten dürfen. Da gab es Heu, in dem man herumtollen konnte, dass es eine Freude war, da gab es große Traktoranhänger, in denen man sich verstecken konnte, und es gab auch einen langen Querbalken, schätzungsweise 15 cm breit und so etwa drei bis vier Meter über dem Betonfußboden positioniert. Auf diesem Balken spielten wir Zirkus, genauer gesagt: Seiltänzer. Ein Fehltritt, und der Kuchen wäre gegessen gewesen.
Erstaunlicherweise habe ich meine eigene Kindheit überlebt. Und das lässt mich für meinen Neffen hoffen.

© 2020 – Pedro – www.die-zeichnung.de


Eine Brunnenfigur

Ich war eingeladen zu einer Führung, die mich zu einigen Kunst-werken im öffentlichen Raum Pir-nas führen sollte. Treffpunkt war die Touristinformation. Empfangen wurden wir von einem schlanken älteren Herrn in weißem Hemd, der sich als unser Gästeführer vorstellte.

Der Spaziergang führte uns haupt-sächlich durch die Pirnaer Altstadt, wir sahen den Faun an der Groh-mannstraße, vernahmen, dass er auf Initiative einer privaten Stiftung im Jahre 1914 gekauft worden sei, also in dem Jahr, in dem der erste Weltkrieg begonnen hatte. Wir betrachteten das Marktschiff, diskutierten bei dieser Gelegenheit auch ein wenig über die Bezahlung von Kunst im öffentlichen Raum. Und wir besuchten das Denkmal „Die Flut“ am Steinplatz, ein Geschenk des Künstlers Hernando León an die Einwohner Pirnas.

Eine Sehenswürdigkeit schien unserem Gästeführer besonders am Herzen zu liegen. Immer wieder bemerkte er, dass wir uns diese am Ende der Tour in jedem Fall anschauen sollten, auch wenn er uns hierzu nötigen müsse, den Berghang zu erklimmen.

Und so stiegen wir gegen Ende der Besichtigung die Treppe hoch, die von der Oberen Burgstraße hinauf zur Festung führt. Das Kunstwerk, welches wir schließlich zu sehen bekamen, steht ziemlich direkt vor dem Haupteingang des Landratsamtes. Ich glaube, man übersieht es gerne, weil es nicht sehr groß ist, zudem auf einer Steinsäule hoch über dem Brunnen schwebt. Es zeigt ein Kind, welches auf einem großen Pelikan sitzt und ihn fest an sich presst. Fast hat es den Anschein, als wolle es ihn erwürgen. Der große Pelikan sitzt wiederum auf einem kleineren. Und dieser beißt dem Kind in den linken Fuß.

Die Legende, wodurch diese Skulptur wohl inspiriert worden ist, entstammt der Antike: Ein Land litt unter einer großen Dürre. Menschen und Tiere litten Not und wussten nicht mehr, wie sie überleben sollten. Ein Pelikan war weniger in Angst um sich selbst, sondern sorgte sich in erster Linie um das Überleben seiner Nachkommen, so dass er sich mit dem Schnabel selbst verletzte und den Jungen sein Blut zu trinken gab. Diese überstanden da-durch die Zeit des Mangels. Der Pelikan jedoch starb.

Die Geschichte ist in ihrem Bezug auf die selbstlose Nächstenliebe zeitlos. Sie erfuhr später, als das Christentum aufkam, eine Neuinterpretation und verweist seither in der christlichen Bildersprache auf Jesus, der für die Menschen sein Blut gab.

Ein gewisser Stellmacher soll die Brunnenfigur erschaffen haben. Sonst weiß ich nichts über deren Entstehung. Es hat aber den Zeichner in mir ge-reizt, sie auf Papier nachzuerschaffen, als Teil Pirnas, der eher unauffällig ist und somit gerne übersehen wird.

© 2020 – Pedro – www.die-zeichnung.de


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