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Wie Märchen Schule machen

Die Märchenwelt auf den Schulwandbildern des Verlages C. C. Meinhold in Dresden
 

„... dass ein eigentliches Erziehungsbuch daraus werde“, so heißt es im Vorwort des von den Brüdern Grimm 1815 herausgegebenen zweiten Bandes ihrer Sammlung deutscher Volksmärchen. Seither haben sich Generationen von Lehrern und Künstlern immer wieder neu mit der Frage nach dem Märchen in der Schule auseinandergesetzt. Wie zu Beginn der 20. Jh. die Antwort im Verlag Meinhold in Dresden ausfiel, zeigen 23 faszinierende und bis zu über 100 Jahre alte Märchen-Schulwandbilder, die das Sammlerehepaar Martina und Lutz Dathe aus dem Fundus ihrer Sammlung für diese Ausstellung bereitgestellt hat.

Aus der Perspektive des inzwischen historisch und zeitlich gewachsenen Abstands betrachtet, wecken die mit hoher künstlerischer und handwerklicher Meisterschaft sowie nach pädagogischen Grundsätzen gestalteten Märchenbilder bei manchem von uns lebhafte Erinnerungen an den Beginn der eigenen Schulzeit. Aber brauchen wir und unsere Kinder auch heute noch Märchen? Wie sollen Lehrer und Erzieher mit dem Märchen umgehen? Stimmt die Lebens- und Erfahrungswelt unserer Kinder mit der im Märchen überhaupt noch überein?

Da die Antworten auf diese Fragen nicht durch theoretische Erörterungen, sondern nur im lebendigen Umgang mit dem Märchen selbst zu finden sind, wollen die Aussteller vielmehr den Besucher locken, sich neu auf Märchen einzulassen. Die Frage nach der Wirkung des „pädagogisch aufbereiteten Märchenstoffs“ auf das Kind, d.h. irgendwann einmal auf uns selbst, unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und heute auf unsere eigenen Kinder, Enkel oder Urenkel, ist also nicht nur an die Lehrer unter uns gerichtet.
Die eindrucksvolle Reihung der ca. 70x100cm großen, farbkräftigen Bildtafeln mit den Symbolszenen der bekanntesten Märchen verdeutlicht bei eingehender Betrachtung einerseits ihre Wehrlosigkeit gegen ideologische Vereinnahmung durch die Institutionen der Bildung und des Staates im Verlaufe der Geschichte, andererseits demonstriert sie eindrucksvoll, wie das Märchen in pädagogische Konzepte zur Bildung und Erziehung von Kindern eingebunden werden kann.
 
Doch erst Ende der 70er Jahre des 19. Jh. erlangten die Märchen ihre eigentliche Schulreife, als nach dem lange ersehnten Ende der Verlagsrechte und den damit verbundenen Streitigkeiten um die Illustrationsrechte die Grimm'sche Märchensammlung den Charakter eines echten Volksbuches erhielt.
Darauf warteten auch die Lehrer, die längst erkannt hatten, dass ein großer Teil der Kinder- und Hausmärchen wegen ihres hohen ethisch-moralischen Wertes für die Kindererziehung besonders geeignet waren und uns die heute bekanntesten Märchen damals zum festen Bestandteil der Schullesebücher machten. Denn Bescheidenheit, Opferbereitschaft und Treue oder Gehorsam waren zu dieser Zeit die wohl am meisten gefragten Tugenden, welche die Schulbehörde in die Köpfe deutscher Kinder einpaukte, um ein einheitliches nationales Wertesystem für das von Bismarck 1871 gegründete Deutsche Reich geistig und moralisch zu verfestigen. Wie weit man es mit unermüdlichen Fleiß, Geduld und widerstandsloser Fügung in sein Schicksal bringen konnte, sollten die Goldmarie in Frau Holle oder das Aschenputtel zeigen. Das Rotkäppchen dagegen, weil es vom rechten Weg abkam, diente als warnendes Beispiel für Ungehorsam gegenüber elterlicher und schulischer Autorität oder gar weltlicher und geistlicher Obrigkeit.
 
Aber gerade gegen diese Art von Gelehrsamkeit wehrten sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts die "Herbarthianer", eine Lehrerschaft, die im Umgang mit dem Märchen den Kindern mehr als nur die gängigen moralischen Leitbilder im wilhelminischen Deutschland vermitteln wollten und tiefgreifende pädagogische Reformen in Gang setzten.
Verlust und Tod, Hochzeit und Geburt, Markttreiben, Handwerk oder bäuerliche Arbeit, kein Märchen kommt ohne einen solchen Bezug zum realen Leben aus. Warum also sollte es den Lehrern nicht gelingen, den schulischen Wissensstoff mittels Märchen ebenfalls mit den Fragen und Problemen des Alltags zu verbinden und durch lebensnahe Unterrichtsgestaltung die Lernbereitschaft der Kinder zu fördern?
Um allgemeine Lebensfragen aus dem Alltag der Kinder mit der Erfahrungswelt im Märchen anschaulich verbinden zu können, ließ deshalb der Leipziger Reformpädagoge Fritz Lehmensick seit 1904 im Meinhold Verlag, Dresden die für den Naturkunde- oder Geschichtsunterricht längst üblichen Schulwandbilder erstmalig mit einer Serie von Märchenmotiven bedrucken. Vorbild sollten die im Münchner Verlag Braun & Schneider oder im Verlag Jugend und Volk seit Ende des 19. Jahrhunderts für Schule und Haus herausgegebenen Bilderbögen sein, die bereits bei Kindern und Lehrern sehr begehrt waren, aber nicht die plakative Fernwirkung und Anziehungskraft entfalten konnten, wie man sie für eine anschauliche Betrachtung auch von der hintersten Bankreihe aus brauchte.
 
Die gesamte Meinhold-Reihe von 28 Bildern vor allem zu den Grimm’schen Märchen, prägt die Vorstellungswelt vom Märchen ganzer Generationen zum Teil noch heute und hat seither nichts von ihrer faszinierenden Wirkung verloren. Besonders erwähnt werden müssen hier die herausragenden Entwürfe der Dresdner Maler Felix Elßner, Karl Wagner und Wilhelm Claudius sowie des Münchner Märchenmalers Paul Hey. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der Beitrag der Malerin Emilie Mediz-Pelikan. Das „Rotkäppchen“ von Felix Elßner bildete den Auftakt dieser Reihe und war Vorbild für alle folgenden Entwürfe aus dem Verlag.
Durch die Darstellung von Schlüsselszenen der Märchen in Teilbildern, die um ein Hauptmotiv angeordnet sind, oder die Dreiteilung der Bildfläche wird das Märchen erzählt. Dieser Gestaltungsgrundsatz ist das besondere Merkmal der Reihe und vielleicht auch der Grund ihrer lang anhaltenden Beliebtheit und somit auch der Verbreitung bis in den letzten Winkel des deutschen Sprachraums.
Vor allem Paul Hey verband die deutschen Volksmärchen mit einem national geprägten Geschichts- und Traditionsbewusstseins. Doch wissen wir inzwischen, dass viele Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm gar nicht deutschen Ursprungs sind und ihre Quellen weit über das Mittelalter hinaus zurückreichen.
 
Der I. Weltkrieg war zu Ende, der Kaiser hatte abgedankt, und in den Wirren der Weimarer Republik gerieten die einst festen pädagogischen Standpunkte ins Wanken. Vielleicht fanden gerade deshalb in den 1920er Jahren die Märchenillustration und damit auch die Märchendarstellung auf den Meinholdschen Schulwandbildern zu neuer Ausdrucksstärke. So trugen die Entwürfe jetzt eher dazu bei, das Märchen nicht mehr in der "Heilen Welt“ deutscher Geschichte, sondern ganz im Reich der Phantasie anzusiedeln und die Bildbetrachter - die Kinder also - auch durch vertiefende visuelle Eindrücke in die konfliktreichen seelischen Auseinandersetzungen und Verwandlungen im Verlaufe des Märchens einzubeziehen.
So war die Meinholdsche Märchenreihe fortan richtungsweisendes Beispiel für eine zeit- und kindgerechte Gestaltung des Grundschulunterrichts, die ihre Wirkung auch auf andere Schulwandbild-Verlage nicht verfehlte.
Wie nachhaltig diese Bilder aus der Weimarer Zeit wirkten, lässt sich heute nur schwer einschätzen. Es ist davon auszugehen, dass die Lehrerschaft trotz behördlicher Hinweise auf aktuelle Angebote in den Zeiten von Weltwirtschaftskrise und Inflation - Zeiten knapper Kassen also - eher auf die bereits vorhandenen Bestände aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückgreifen musste. Erklärbar ist daher auch die Tatsache, dass die Entwürfe aus den 1920er Jahren heute weitaus seltener zu finden sind, als die aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Im Vergleich zu den Bildern auf billigem Papier aus dem Wachsmuth Verlag Leipzig z.B. hatten die der Meinholds mit ihrem außerordentlich hohen Qualitätsanspruch allerdings auch einen entsprechend hohen Preis.

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